Botanicula [Review]
Das moderne, erwachsene Gaming-Wohnzimmer unterscheidet sich in manchen Punkten gar nicht so stark vom Kinderzimmer aus der Vorschulzeit. Nur Plastikdinosaurier, He-Man Actionfiguren und Matchbox-Autos sind mittlerweile World Of Warcraft, Call Of Duty und Need For Speed gewichen. Doch völlig vergessen haben wir die Kastanien, die wir jeden Herbst leidenschaftlich gesammelt haben, um dann mit Zahnstochern Männchen und abstruse andere Gebilde aus ihnen zu basteln. Ich werde jetzt wohl ordentlich Streetcreds verlieren, aber ich habe seit langem mal wieder mit Kastanien gespielt und mir Botanicula, das neue Adventure des tschechischen Machinarium-Entwickler Amanita Design angesehen.
Es gibt Ärger im Baum: Der Heimatort von Käfern, Kastanienmenschen und allerlei anderen, eher surrealen Wesen wird von einer riesigen Spinne und deren Gefolgschaft angegriffen, die dem hölzernen Riesen den Lebenssaft aussaugen will. Botanicula erzählt die Geschichte von fünf botanischen Freunden, die nun ausziehen um ihre Heimat und deren Bewohner zu retten. Unterwegs finden sie heraus, dass der Baum aus einem auf die Erde gefallenem Stern gewachsen ist und das sie dessen Samen finden müssen um die Bedrohung abzuwenden.
Schon von Anfang an umgibt Botanicula eine Andersartigkeit, die man zunächst als befremdlich empfindet, aber einen gleichzeitig umso neugieriger macht. Das fängt schon bei den Charakteren an, die alle Pflanzen oder Teile von Pflanzen sind. Namentlich: Mr.Twig, Mr.Mushroom, Mr. Poppyhead, Mr.Feather und Mr.Lantern.
Amanita Design beschreiben Botanicula selbst als „point‘n‘click exploration game“ und scheinen sich vom Adventure-Genre ein wenig abgrenzen zu wollen. Letztlich fehlen auch einige Elemente des klassischen Point‘n‘Click Adventures. So steuert ihr nicht einen Helden, sondern gleich einen ganzen Trupp, der hier als eine Einheit fungiert. An wenigen Stellen müsst ihr euch für eines der knuffigen Wesen entscheiden, da etwa nur Mr.Twig an an einem Gegner vorbeischleichen kann, wo die anderen zu groß und auffällig wären. Ebenfalls sammelt ihr nicht genretypisch alle möglichen Gegenstände ein um die zu kombinieren oder gegen andere Gegenstände einzutauschen. Die Rätsel sind oft, nicht immer, recht simpel gehalten und meist leichter durch Ausprobieren, als durch wirkliches Knobeln lösbar. Das ist auch gleichzeitig der größte Kritikpunkt. Die Rätsel hätten durchaus knackiger ausfallen können und weniger daraus bestehen sollen, dass man eine richtige Folge an Hotspots anklickt. Gelegentlichen Minispiele lockern das Spiel auf und lassen Botanicula weiter aus dem Adventure-Genre ausbrechen, sind aber selbst für ungeübte Spieler noch viel zu simpel.
In Botanicula geht es nunmal weniger um knifflige Rätsel. Vielmehr ist es das Ziel euch durch die Gesamtästhetik in eine fremde, unbekannte Welt zu entführen und den Entdecker in euch loszutreten. Und das funktioniert wunderbar. Fast jedes Objekt ist interaktiv, wenn auch nicht für das Weiterkommen wichtig, weckt es den Erkundungs- und Spieltrieb und verleitet dazu an manchen Stellen lange zu verharren, um mit der Umgebung zu experimentieren. Dazu trägt neben der wunderschönen Optik, die in natürlichen Pastelltönen gehalten ist, auch das Musik- und Sounddesign bei. Hierfür haben Amanita Design mit den tschechischen Musikern von DVA zusammengearbeitet. Botanicula lebt von seiner fantastischen Soundkulisse. Die Charektere sprechen z.B. in einer verfremdeten Fantasiesprache, wie man sie z.B. aus der Zelda-Reihe kennt. Wo sie dort aber schnell nerven kann, zaubert sie bei Botanicula eher ein lächeln aufs Gesicht. Dementsprechend gibt es natürlich auch keine Dialoge. An manchen Stellen ist die Musik teil des Rätsels und man wird recht schnell darauf konditioniert auch den Sound in seine Überlegungen einzubeziehen. Eigentlich wurde jedem Objekt und jedem Wesen ein eigenes Soundkonzept verpasst, was mich mehr fasziniert hat, als die oben angesprochenen Rätsel.
Fazit: Botanicula ist kein klassisches Adventure, sondern eine Reise in einen unbekannten Mikrokosmos und somit erfrischend anders und experimentell. Die wirklich fantastische Optik und das Charakter- und vor Allem Sounddesign überzeugen auf ganzer Linie und trösten darüber hinweg, dass man vom Gameplay oft unterfordert ist.
Noch für 10 Tage könnte ihr das Spiel, zusammen mit den älteren Amanita Design Spielen, im Pay-What-You-Want Indie Humble Bundle erwerben. Also schnell zugreifen! Ansonsten erscheint es am 26.4. bei Deadalic Entertainment. Laufen tut Botanicula übrigens auf PC, Mac und auch Linux.














